In Hamburg werden Kreuzfahrtschiffe aus Laubholz gebaut

© C.R.Gülde

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Wird der Bau eines neuen Kreuzfahrtschiffes geplant, greifen Reedereien und Werften aus aller Welt gerne auf das Know-how der Hamburgischen Schiffbau Versuchsanstalt (HSVA) zurück – mit maßstabsgetreuen Schiffsmodellen aus zertifiziertem Laubholz und aufwändigen Computersimulationen findet die HSVA wertvolle Lösungen für einen sicheren und effizienten Schiffsbetrieb in offenen und eisbedeckten Gewässern. Die Mitarbeiter der HSVA stellen sich dabei allen hydrodynamischen Fragestellungen – von Propeller-Versuchen bis zu Analysen des Seegangs-, Manövrier- und Eisbrechverhaltens eines neuen Schiffes.

2013 feierte die HSVA ihr 100-jähriges Bestehen – und die vielen Glückwünsche aus aller Welt machten einmal mehr deutlich, dass die HSVA heute ein unverzichtbarer Player der maritimen Wirtschaft ist. Dabei war ihre Gründung alles andere als selbstverständlich: Die Geburtswehen der HSVA erstreckten sich über mehr als zehn Jahre, bis die Diskussionen über die Notwendigkeit eines großen hydrodynamischen Testinstituts in Deutschland – vor allem für die kommerzielle Schifffahrt – 1913 zur Gründung der HSVA führten. Neben dem Staat Hamburg beteiligten sich nicht weniger als 16 Reedereien und Werften an der Gründung. 100 Jahre später gehören 20 Werften, Industrieunternehmen und andere Institutionen zum Gesellschafterkreis.

© HSVA

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Selbst Asien klopft in Hamburg an

Meldet sich heute ein Reeder bei Jürgen Friesch, dem Leiter der HSVA, weil er seinen Entwurf eines Kreuzfahrtschiffes testen lassen will, muss er sich mitunter auf mehrere Monate Wartezeit einstellen. Denn im Zeitalter der Globalisierung wächst die Zahl der Auftraggeber. Die HSVA berät nicht nur deutsche oder europäische Reedereien und Werften, sondern zunehmend auch asiatische. Die deutschen Unternehmen bleiben dennoch ein wichtiger Kundenkreis der HSVA, beispielsweise die Meyer Werft in Papenburg oder Lürssen in Bremen. Die Forschungsarbeit der HSVA gilt dabei nicht ausschließlich der Schifffahrt, sondern zunehmend auch Offshore-Einrichtungen wie Windparks oder Öl- und Gas-Plattformen.

Mehr Ruhe für Delfine

Die Antwort auf die Frage, welche Maschinen und welche Geometrie das Schiff braucht, um die vom Betreiber gewünschte Geschwindigkeit zu erreichen, muss für jeden Schiffstyp neu beantwortet werden – das gilt für Kreuzfahrtschiffe ebenso wie für Tanker oder Containerschiffe. Es gibt kein konstruktives Ideal, denn die Anforderungen an die Schifffahrt ändern sich stetig und mit ihnen eine Vielzahl von Parametern – von den Fahrgebieten über die Art der Ladung bis zu den Hafenanlagen, um nur einige wenige zu nennen.

Für die Kreuzfahrtbranche besonders wichtig sind die Seegangsversuche der Abteilung Seakeeping & Manoeuvering: Bei der Simulation des natürlichen Seegangs werden die Bewegungen des Modells analysiert und  es wird untersucht, ob und wie häufig das Vor- oder Hinterschiff austaucht, ob Slamming auftritt, also der flache Boden mit voller Wucht aufs Wasser schlägt, oder wie viel Wasser an Deck gelangt.

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Herbert Bretschneider sorgt für Ruhe in den sieben Weltmeeren. © C.R.Gülde

Zum Spektrum der HSVA gehören auch Versuche wie die Nachstrommessung, bei der das Strömungsfeld hinter dem Schiff untersucht wird, um die Anströmgeschwindigkeit der Propeller zu ermitteln, oder auch Oberflächenversuche, um reibungsarme Außenhautbeschichtungen zu entwickeln. Die Effizienzsteigerung hat dabei nicht nur eine große ökonomische Bedeutung, sondern auch eine ökologische – Stichwort Ressourceneinsparung. Die Forscher der HSVA vertreten dabei nicht nur die Interessen der Menschen, sie leihen im wahrsten Sinne des Wortes auch Walen und Delfinen ihr Ohr: Der Physiker Herbert Bretschneider von der Abteilung Propellers & Cavitation beispielsweise will mit optimiertem Rumpf- und Propellerdesign für mehr Ruhe in den sieben Weltmeeren sorgen.

 

Zum shiptrips-Interview mit Jürgen Friesch, Leiter der HSVA

Christian Richard Gülde

Magister der Philosophie, Sprachwissenschaft und Literatur. Berufserfahrung als wissenschaftlicher Autor, Redakteur und Kommunikationsberater. Erfolgreich tätig für IT- und Handels-Unternehmen, NPOs, Buchverlage, Magazine, Tageszeitungen und Online-Medien. Seit fast 20 Jahren dem Rätsel Kommunikation auf der Spur. Weitere Schwerpunkte: Maritime Wirtschaft, Health, Wirtschaft & IT.