Hurtigruten – für viele ohne Zweifel die schönste Seereise der Welt

Die Richard With vor den Lofoten. © Christian Hühn

Die Richard With vor den Lofoten. © Christian Hühn

Menschen, die Seereisen lieben, lassen sich in zwei Gruppen einteilen: die erste Gruppe träumt von einer Fahrt mit Hurtigruten, die andere hat sich diesen Traum bereits mindestens einmal erfüllt. Kalt lassen die Hurtigruten niemanden – sie tauchen fast in jedem Gespräch über Traumreisen auf, so wie Hawaii, der Amazonas, Kaschmir, Bora Bora oder der Schweizer Glacier Express. Und wo letztgenannter das ultimativ spektakuläre Reisemittel in einem Land ohne Küste ist, sind die Schiffe der Hurtigruten das ultimativ spektakuläre Reisemittel in einem Land, das fast nur aus Küste besteht – genau genommen aus mehr als 80.000 Kilometern, wenn man alle Fjorde und Inseln dazurechnet.

Schaut man sich die Geografie Norwegens an, wird schnell deutlich, warum die Norweger Ende des vorletzten Jahrhunderts eine Postschifflinie gründeten, die heute einen legendären Ruf hat: Die meisten Orte des Landes waren über den Seeweg einfach am besten zu erreichen. Vor allem im Winter, wenn die Landwege in den Norden Norwegens unter meterhohen Schneedecken lagen.

Eine Kommunikationsrevolution wie das Internet

In einer Zeit, in der Nachrichten binnen Sekunden um die Welt jagen, kann man sich kaum vorstellen, dass die Einführung der Hurtigruten – die schnelle Route, wie sie sich leicht ins Deutsche übersetzen lässt – für die Norweger eine Revolution der Kommunikation bedeutete wie gut 100 Jahre später das Internet. War die Post vor Gründung der Hurtigruten im Winter von Trondheim nach Hammerfest rund fünf Monate unterwegs, dauerte es mit den Hurtigruten nur noch wenige Tage. Die Hurtigruten, die neben Nachrichten vor allem auch Nahrungsmittel und Güter transportierten, wurden schnell zur wichtigsten Lebensader der Küstenbevölkerung.

Gran und With – die Väter der Hurtigruten

Richard With © Hurtigrutemuseet

Richard With © Hurtigrutemuseet

Angefangen hat alles mit dem Traum zweier Männer, die wichtigsten Orte der mehr als 2.400 Kilometer lange Küste zwischen Bergen und Kirkenes durch eine regelmäßig verkehrenden Schiffslinie zu verbinden: Der Schiffsberater August Kriegsmann Gran begeisterte den Kaufmann und Kapitän Richard With von seiner Idee einer solchen regulären und zudem schnellen Verbindung auf dem Seeweg zum Transport von Post und Waren, zunächst zwischen Trondheim und Hammerfest. Beide vereinbarten in einem Vier-Jahresvertrag, dass Withs Schifffahrtsgesellschaft, die Vesteraalens Dampskibsselskap, im Sommer eine wöchentliche Verbindung zwischen Trondheim und Hammerfest und im Winter zwischen Trondheim und Tromsø anbietet.

Auf der Suche nach der richtigen Route

Da die Seekarten zu jener Zeit noch sehr ungenau waren und es besonders im Norden nur wenige Leuchttürme gab, war der Seeweg entlang der Küste Norwegens mit ihren tückischen Riffen, schmalen Sunden, kleinen Inseln und Schären ausgesprochen gefährlich. Und eine erfolgreiche Suche nach einer sicheren Route war entscheidend für eine regelmäßige Verbindung zwischen Nord- und Südnorwegen. With erstellte deshalb gemeinsam mit dem Lotsen Anders Holte die erste sorgfältige Kartografie der Gewässer entlang der Küste Norwegens.

2. Juli 1893, 8:30 Uhr: Die Geburtsstunde

Die erste Fahrt der neu gegründeten Linie startete am Sonntag, den 2. Juli 1893. Das Dampfschiff DS Vesteraalen legte um 8.30 Uhr vom Kai in Trondheim ab und lief 67 Stunden später, am 5. Juli 1893 um 3.30 Uhr morgens, in Hammerfest ein – nach Stopps in Rørvik, Brønnøysund, Sandnessjøen, Bodø, Svolvær, Lødingen, Harstad, Tromsø und Skjervøy. Es dauerte nicht lange, bis sich weitere Schifffahrtsgesellschaften den Hurtigruten anschlossen und weitere Stopps sowie häufigere Abfahrten angeboten werden konnten. So wurde Bergen um die Jahrhundertwende zum südlichsten und Kirkenes 1908 zum nördlichsten Hafen. Seit 1936 gibt es zwischen diesen beiden Wendepunkten tägliche Abfahrten, außer während des Zweiten Weltkriegs.

DS Vesteraalen © Hurtigrutemuseet

DS Vesteraalen © Hurtigrutemuseet

Reisende aus aller Welt

Zwar spielte der Tourismus von Anfang an eine Rolle in der Geschichte der Hurtigruten – schließlich machen die Schiffe der Linie eine einzigartige Küste mit bezaubernden Städtchen und unberührter Natur zugänglich –, richtig Fahrt aber nahm das Geschäft mit den Seereisenden in den 1980er-Jahren auf: Seit dieser Zeit werden die Hurtigruten-Schiffe nicht nur für einen modernen Güterumschlag konstruiert, sondern vor allem mit Blick auf höchstmöglichen Komfort für Gäste aus aller Welt. In den Jahren 1993 bis 2003 tauschte die Reederei im Zuge ihrer bis dahin größten Modernisierungswelle neun der damals elf Hurtigruten-Schiffe gegen Neubauten mit guten Restaurants sowie Fitness- und Wellnessbereichen mit Sauna und Jacuzzi.

© Reiner Schaufler

© Reiner Schaufler

70 Schiffe in 120 Jahren

Nicht weniger als 70 Schiffe gehörten in den vergangenen 120 Jahren zu den Hurtigruten. Sie trugen eng mit der Landschaft Nordnorwegens, mit den Reedereien oder dem norwegischen Königshaus verbundene Namen wie Barøy, Dronning Maud, Haakon Adalstein, Kong Gudrød, Nordnorge oder Polarlys. Das letztgenanntes Schiff – genaugenommen die Polarys I – ist wegen George Simenons Krimi „Der Passagier der Polarlys“ nicht nur Kennern der Hurtigruten ein Begriff, sondern auch Literaten. Die Beschreibung einer Winterreise aus der Sicht des wortkargen Kapitäns Petersen, der sich mit rätselhaften Passagieren und schließlich mit einem Mord beschäftigen muss, eignet sich hervorragend als Kontrastprogramm zum gewöhnlich heiteren Schiffsbetrieb auf einem Hurtigruten-Schiff.

DS Dronning Maud © Hurtigrutemuseet

DS Dronning Maud © Hurtigrutemuseet

Dass es nach der Polarys I von 1912 bis 1951 auch eine Polarys II von 1952 bis 1994 gab und die aktuelle Polarys III seit 1996 unterwegs ist, liegt übrigens daran, dass die Hurtigruten bei der Namensgebung der Schiffe eher konservativ vorgingen: Wurde ein Schiff durch ein moderneres ersetzt, erhielt es oft den Namen seines Vorgängers – ganz ähnlich der Vorgehensweise europäischer Königshäuser bei der Namensfindung ihrer Nachkommen. So trifft man die meisten der heute verwendeten Schiffsnamen auch am Bug ehemaliger Hurtigruten-Schiffe.

So wird die Nacht zum Tage

Im 21. Jahrhundert fahren zwölf Schiffe für die Hurtigruten, elf Schiffe der neuen, mittleren und traditionellen Generation bedienen die traditionelle Linie in Norwegen mit insgesamt 34 Häfen und das zwölfte – die MS Fram – geht auf Expeditions-Seereisen, vor allem in arktische und antarktische Regionen.
Jeden Tag legt ein Hurtigruten-Schiff im Hafen der Hansestadt Bergen ab und fährt gen Norden nach Kirkenes, fast bis zur russischen Grenze. Zwölf Tage benötigen die Schiffe für ihre Fahrt in den hohen Norden und zurück nach Bergen. Damit die Passagiere, die die ganze Zeit an Bord bleiben, jeden der 34 Häfen erleben können, ohne sich die Nächte um die Ohren zu schlagen – was wegen der häufig auftretenden Nordlichter keine schlechte Idee wäre – sind die Nachtetappen und -stopps der Hinfahrt auf der Rückfahrt entsprechende Tagesetappen und -stopps. Das funktioniert natürlich auch, wenn man im Norden startet.

MS Nordnorge-IV © Roy Storkersen

MS Nordnorge-IV © Roy Storkersen

Lässiges Bordleben ohne Kreuzfahrtetikette

Wer sich für eine Reise mit den Hurtigruten entscheidet, der weiß in der Regel, dass auf der Postschifflinie nicht pompöse Schiffseinrichtungen zur Belustigung der Passagiere im Mittelpunkt stehen. Wer mit Hurtigruten fährt, der freut sich auf die unendlich erscheinende Vielfalt der Eindrücke, die Norwegens einzigartige Natur bietet. Und wer einmal die Aurora Borealis, die Polarlichter, von Bord eines Hurtigruten-Schiffes sah – vielleicht sogar zu hören glaubte –, dem können mitunter Lasershows und Feuerwerke auf 4.000 Passagiere tragenden Ozeanriesen etwas albern vorkommen.


Typisch für Norwegen sind aber nicht nur die Polarlichter, sondern auch die beeindruckenden Fjorde mit ihren gigantischen Wasserfällen – fährt man in diese Fjorde ein, glaubt man in die Kulisse eines spektakulären Fantasyfilms einzutauchen. Und auch die winzigen Fischerorte und die kleinen, quirligen Städtchen lassen keine Langeweile aufkommen. In den Häfen mit längeren Stopps – beispielsweise in der Jugendstilsstadt Ålesund, in der mehr als 1.000 Jahre alten Königsstadt Trondheim oder in der weltweit nördlichsten Universitätsstadt Tromsø – können die Gäste der Hurtigruten auf eigene Faust oder mit gebuchten Landausflugspaketen auf Erkundungstour gehen.

Zurück an Bord kann man sich auf Angebote der stets gutgelaunten Crew freuen, die vertiefende Einblicke in Norwegens Seele erlauben, abgerundet durch den Genuss lokaler Gaumenfreuden. So kommen Hurtigruten-Passagiere auf einzigartige Weise der norwegischen Kultur, Lebensweise und Traditionen näher – in einem gemütlichen und lässigen Ambiente, in dem niemand auf Kreuzfahrtetikette achtet.

Auf Expedition mit der MS Fram

© Arnau Ferrer

© Arnau Ferrer

Das hochmoderne Expeditionsschiff MS Fram ergänzt seit 2007 die Flotte. Da es mit der Eisklasse 1A/1B ausgestattet ist, eignet es sich hervorragend für den Einsatz in polaren Gewässern. So geht es mit der MS Fram im Sommer auf Expeditions-Seereise nach Grönland und Spitzbergen und in den Wintermonaten auf die Südhalbkugel in den antarktischen Sommer. Zudem bereist die MS Fram auch die Küsten Europas und stellt dabei wie ihre klassischen Hurtigruten-Schwestern das Natur-Erlebnis in den Mittelpunkt der Expeditions-Seereisen, unterstützt durch erfahrene Lektoren, die mit interessanten Vorträgen Wissenswertes rund um Flora, Fauna, Geschichte und Kultur der jeweiligen Destination vermitteln.

 

Meilensteine

  • 1893: Am 2. Juli nimmt das erste Dampfschiff DS Vesteraalen Kurs von Trondheim Richtung Hammerfest.
  • 1925: DS Dronning Maud ist das erste Schiff einer neuen Generation, rund anderthalbmal so groß wie seine Vorgänger. Erstmals haben alle Kabinen fließendes Wasser und ein eigenes Lüftungssystem.
  • 1940-45: Mehrere Schiffe übernehmen Transportdienste für die norwegische Regierung während des Zweiten Weltkrieges. Neun von 15 Schiffen werden zerstört.
  • 1952: Seit 1949 sind sieben neue Schiffe hinzugekommen. Die gesamte Flotte verfügt nun über moderne Dieselmotoren und befördert 500.000 Passagiere jährlich.
  • 1982: Die neuen Schiffe MS Vesterålen, MS Midnatsol und MS Narvik ersetzen ältere Schiffe.
  • 1993: Die Hurtigruten feiern ihren 100. Geburtstag. Mit dem Neubau der modernen Kong Harald beginnt eine neue Ära. Von insgesamt 14 Schiffen sind elf permanent im Linieneinsatz.
  • 2002: Erstmalig sind die Hurtigruten Schiffe nicht nur an der norwegischen Küste unterwegs. Ein Schiff der neuen Generation ist in Chile im Einsatz und nimmt von Kap Hoorn aus Kurs auf die Antarktische Halbinsel.
  • 2006: Die beiden Hurtigruten Reedereien „Ofotens og Vesterålens Dampskipsselskab“ (OVDS) und „Troms Fylkes Dampskipsselskab“ (TFDS) fusionieren zur Hurtigruten ASA.
  • 2007: Das neue Hurtigruten Expeditionsschiff MS Fram – zu diesem Zeitpunkt das modernste Schiff seiner Art – wird feierlich von Ihrer Königlichen Hoheit Kronprinzessin Mette-Marit getauft.
  • 2011: Die nordgehende Reise mit MS Nordnorge von Bergen nach Kirkenes vom 15. bis zum 22. Juni wird vom norwegischen Fernsehen live übertragen. Mit 134 Stunden, 42 Minuten und 45 Sekunden steht sie als längste Live-Übertragung der Welt jetzt im Guinness-Buch der Rekorde.
  • 2013: Die Hurtigruten feiern ihr 120. Jubiläum.

Unternehmensdaten

  • Gründung: Das aktuelle Unternehmen Hurtigruten ASA entstand 2006 aus der Fusion der Eigentümer der Marke „Hurtigruten“ – OVDS und TFDS. Die Postschiffreise Hurtigruten wurde bereits 1893 etabliert.
  • Hurtigruten ist ein wichtiger Teil der Infrastruktur an Norwegens Küste und zählt weltweit zu den führenden Anbietern von Expeditions-Seereisen.
  • Flotte: 12 (11 Schiffe im täglichen Dienst an Norwegens Küste, 1 Expeditionsschiff international im Einsatz)
  • Angestellte weltweit: ca. 1.300
  • Fakten Seereise Norwegische Küste: Gäste insgesamt global: 404.000 (2011), Touristen/Rundreise-Gäste: 87.000 (2011), lokale Individualreisende: 317.000 (2011), Übernachtungen an Bord insgesamt global: 1.105.792 (2011), täglicher Service zwischen Bergen – Kirkenes – Bergen mit Fracht, Personentransport und Touristen, 34 Anlaufhäfen
  • Fakten Expeditions-Seereisen (MS Fram): Gäste insgesamt global: 7.635 (2011), Übernachtungen an Bord insgesamt global: 69.750 (2011), Expeditions-Seereisen Spitzbergen, Grönland, Antarktis und europäische Küste

Christian Richard Gülde

Magister der Philosophie, Sprachwissenschaft und Literatur. Berufserfahrung als wissenschaftlicher Autor, Redakteur und Kommunikationsberater. Erfolgreich tätig für IT- und Handels-Unternehmen, NPOs, Buchverlage, Magazine, Tageszeitungen und Online-Medien. Seit fast 20 Jahren dem Rätsel Kommunikation auf der Spur. Weitere Schwerpunkte: Maritime Wirtschaft, Health, Wirtschaft & IT.