„Immer mehr Schiffe wagen sich ins Eis“ – shiptrips im Interview mit Jürgen Friesch, Leiter der HSVA

© HSVA

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Dipl.-Ing. Jürgen Friesch © HSVA

Er leitet seit 2004 die HSVA: Dipl.-Ing. Jürgen Friesch. Der Kopf von 92 hoch qualifizierten Mitarbeitern führt die Versuchseinrichtungen in Hamburg Barmbek mit der Leidenschaft eines Schiffbauingenieurs, dem ein Meer von Möglichkeiten zur Verfügung steht. shiptrips-Autor Christian Gülde traf ihn zwischen Modellwerkstatt und Eistank.

Herr Friesch, wir leben im Computerzeitalter – wozu braucht man noch Modelle aus Holz?

Da gibt es eine Reihe von Gründen. Beispielsweise überprüfen wir mit unseren Modellen sehr oft die Computersimulationen. Unsere Auftraggeber schätzen die Modelle nach wie vor – vielleicht auch, weil sie im wahrsten Sinne des Wortes begreifbarer sind. Für unsere Modelle, die bis zu zwölf Meter lang sind, benötigen wir rund 3,5 Kubikmeter zertifiziertes WAWA-Holz aus Ghana, ein weiches Laubholz.

© C.R.Gülde

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Was braucht man noch?

Vor allem Fingerspitzengefühl! Wenn die Messwerte aussagen, dass irgendetwas nicht stimmt, dann finden unsere Kollegen in der Modellwerkstatt mit ihrer großen Erfahrung beispielsweise einen geringen Versatz zwischen zwei Bauteilen.

© C.R.Gülde

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Die HSVA feiert dieses Jahr ihr 100-jähriges Bestehen – was wollen Sie hervorheben?

Dass in den vergangenen 100 Jahren jeder einzelne Mitarbeiter zum Erfolg der HSVA beitrug. Die Seele der HSVA war zu jeder Zeit ein Team von engagierten Spezialisten. Aber auch wenn wir dieses Jahr unser 100-jähriges Bestehen feiern und naturgemäß einen – sicher auch stolzen – Blick zurückwerfen, gelten doch unsere Leidenschaft und unser ganzes Können den Herausforderungen, die vor uns liegen.

Welchen Aufgaben warten künftig auf die HSVA?

Wir werden die Tradition fortführen, Forschungs- und Entwicklungsarbeit zu leisten, die über den aktuellen Stand der Technik hinausweist. Und wir sind überzeugt davon, dass Modell-Versuche wichtig bleiben und die experimentelle Seite weiterhin das Rückgrat der HSVA sein wird, auch wenn die Entwicklung der Computersimulationen voranschreitet und ihr Nutzen wächst. Auch unser Eistank, der zu den besten der Welt gehört, wird weiterhin eine große Rolle spielen. Denn der Klimawandel macht ihn nicht überflüssig, eher das Gegenteil ist der Fall: Routen wie die Nordwest- oder Nordostpassage werden zunehmend befahrbarer und deshalb als Alternativen immer interessanter – immer mehr Schiffe wagen sich in Regionen mit Eis und müssen entsprechend ausgerüstet sein.

Das betrifft auch Kreuzfahrtschiffe?

Natürlich! Schon heute sind Schiffe wie die Hanseatic und die Bremen von Hapag-Lloyd mit der höchsten Eisklasse für Passagierschiffe zertifiziert, um spannende Expeditionen in nördlichen Regionen zwischen Treib- und Packeis zu ermöglichen. Die Branche wächst, und somit auch die Zahl der Schiffe für spezielle Einsatzzwecke.

Die MS HANSEATIC bei den Pinguinen in der Antarktis. © HLKF

Die MS HANSEATIC bei den Pinguinen in der Antarktis. © HLKF

Sie erfahren ja mit als erster, welche Neuerungen den Kreuzfahrtmarkt erwarten – was können Sie uns verraten?

Ich könnte Ihnen sicher eine Menge verraten, aber das ist leider nicht möglich. Auf jeden Fall rückt die Umweltverträglichkeit immer mehr in den Vordergrund. Viele unserer Kunden, die zu Recht von uns Diskretion erwarten, reagieren schnell und umfassend auf neue Anforderungen und überzeugen durch kurze Entwicklungszeiten. Und dazu leisten wir gerne einen wichtigen Beitrag, indem wir die erforderlichen Einrichtungen für die Erprobung neuer Ansätze bereitstellen – wie jüngst bei der AIDAprima, bei der wir unter anderem die MALS-Technologie – bei der Luftbläschen den Reibungswiderstand des Rumpfes verringern – und ihren Einfluss auf die Propeller getestet haben.

Finden wir in Ihrer Werkstatt aktuelle Modelle, die auch in Originalgröße die Ems passieren könnten?

Es ist ja kein Geheimnis, dass wir in der Vergangenheit Entwürfe der Meyer Werft getestet haben – und das machen wir immer noch gern.

Zur shiptrips-Reportage über die HSVA

Christian Richard Gülde

Magister der Philosophie, Sprachwissenschaft und Literatur. Berufserfahrung als wissenschaftlicher Autor, Redakteur und Kommunikationsberater. Erfolgreich tätig für IT- und Handels-Unternehmen, NPOs, Buchverlage, Magazine, Tageszeitungen und Online-Medien. Seit fast 20 Jahren dem Rätsel Kommunikation auf der Spur. Weitere Schwerpunkte: Maritime Wirtschaft, Health, Wirtschaft & IT.