Diese Farben, dieses Licht, dieser Duft! Côte d’Azur – Sehnsuchtsland des Südens

© C.R.Gülde

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Wer hat’s erfunden? Nein, nicht die Schweizer. Die verregnete Heimat verlassen und die von der Sonne verwöhnten Landstriche der Welt bereisen – das ist eine Erfindung der Engländer, oder besser gesagt: der englischen Adeligen. Sie waren es auch, die als erste den besonderen Reiz der französischen Riviera als Reiseziel entdeckten. Ein Umstand, an den die Region mit dem Namen ihres prächtigsten Boulevards – der Promenade des Anglais in Nizza – bis heute erinnert.

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Obwohl die Engländer seinerzeit die größte Seefahrernation des ganzen Erdballs waren, nahmen die meisten Reisenden doch eher den beschwerlichen Landweg auf sich, um das Ziel ihrer Wünsche zu erreichen. Da haben wir es heute weitaus besser. Was kann man sich Angenehmeres vorstellen als die Anreise an Bord eines majestätischen Kreuzfahrtschiffes – der wahre Königsweg, um sich der blauen Küste zu nähern.

Wenn die Côte d’Azur am Horizont erscheint, erkennt man sofort, woher der französische Dichter Stéphen Liégeard Ende des 19. Jahrhunderts die Inspiration erhielt, der französischen Riviera ihren heute weit geläufigeren Namen zu geben. Das tiefe Blau des Meeres flirtet mit dem leuchtenden Blau des Himmels, nur getrennt durch die bunt gesprenkelte Küstenlinie als Anstandsdame. Der Gaumen schmeckt das Salz der mediterranen See – und die Nase erahnt die betörenden, würzigen Düfte des Hinterlandes, die der Mistral mit sich nimmt und auf das offene Meer hinausbläst.

Die Zeiten der ersten englischen Reisenden liegen inzwischen lang zurück. Wofür steht die Côte d’Azur heute? Diejenigen, die noch nie dort waren, antworten meist spontan: für Filmfestspiele und deren Stars und Sternchen, für legendäre Hotels an prachtvollen Boulevards, für Fürstenfamilie, Formel 1 und Spielcasino, für Megayachten und russische Oligarchen, für Reichtum – ja, auch für Protz. Bei vielen ist die Region als Revier der Neureichen abgestempelt. Ein Spielplatz für Abenteuerlustige ist sie auf jeden Fall – so wie für Joko vom Duo Joko und Klaas, der – vergeblich – versuchte, hinter der AIDAvita Wasserski zu fahren.

Malerische Gegensätze

Clemens, ein Kunstmaler aus Schwaben, den es vor mehr als 15 Jahren hierher verschlagen hat, sieht das anders: „Es ist ähnlich wie mit  Mallorca und dem Ballermann-Image. Man tut der Côte damit aber Unrecht. Sie mag dies alles sein, in Teilen – aber sie ist mehr, sehr viel mehr! Das Schöne ist, dass man die ausgetretenen Touristenpfade gar nicht zu verlassen braucht, um den ursprünglichen Liebreiz zu entdecken.“  Pittoreskes und Mondänes, Belle Epoque und provençalische Schlichtheit, alles liegt dicht beieinander, und die Kontraste befruchten sich: Nirgendwo sind die Gegensätze malerischer als hier. Wer einen Blick hinter die Kulissen werfen will, sollte den – zugegebenermaßen sehr anziehenden – Küstenstreifen verlassen und in das nach wie vor authentische Hinterland fahren.

Kein Licht wie jedes andere

Der Landstrich zwischen Antibes und Saint Tropez gehört zu den schönsten in Europa. Allein die Fahrt über die Küstenstraße ist ein Ereignis. Es geht entlang an orangerot leuchtenden Vulkanfelsen. Die Hänge des Massif de l’Esterel sind überzogen mit duftenden Kräutern und  nach beinahe jeder Kurve bietet sich ein neues, atemberaubendes Panorama auf das tiefblaue Meer, einladende Buchten und eine spektakuläre Steilküste.

Doch die französische Riviera bezaubert nicht nur durch ihre landschaftliche Schönheit, sondern bietet eine unglaubliche Vielfalt an gewachsener und immer noch lebendiger Kultur. Nicht umsonst locken die Côte d’Azur und die Provence auch heute noch viele Künstler an. Allen voran Maler, die hier einzigartige Farben vorfinden – zum Leuchten gebracht durch dieses unerklärliche Licht, das auch aus den Bildern van Goghs und Cezannes scheint und ihnen ihren Zauber verleiht.

Chapelle du Rosaire de Vence © Pierre-Danet

Chapelle du Rosaire de Vence © Pierre-Danet

Wer den Künstlern der klassischen Moderne auf der Spur kommen möchte, sollte sich auf den Weg nach Vence machen, einer kleinen, wunderschön gelegenen Stadt, rund zwölf Kilometer von der Küste entfernt. Hier steht die Chapelle du Rosaire, ein von Henri Matisse gestaltetes Gebetshaus der Dominikaner. Diese Kapelle – vom Künstler selbst als sein Meisterwerk bezeichnet – wirkt auf den ersten Blick  unscheinbar und  unterkühlt. Doch dann, wenn der Blick auf die Wände und vor allem die Fenster fällt, entfaltet sie ihren Zauber. Die Wirkung der Farben und der Ornamentik im Zusammenspiel mit dem unvergleichlichen Licht der Provence dürfte selbst für einen begabten Poeten schwer in Worte zu fassen sein. Fahren Sie selbst hin, schließlich ist das Unbeschreibliche von jeher einer der besten Gründe zu reisen.

Patina der Jahrhunderte

Einmal in Vence, sollte man sich auch einen Besuch im mittelalterlichen Städtchen St. Paul de Vence gönnen. Kein Geheimtipp mehr, aber – solange man nicht im Juli unterwegs ist – auf jeden Fall lohnenswert. Dies bestätigt mir auch Anatol, ein echter französischer „Garçon“, als er mir in einem von Platanen beschatteten Straßencafé den unvermeidlichen Pastis einschenkt. „Der Juli, auch noch der August, sind nicht wirklich angenehm. Zu laut, zu viele Menschen! Aber dafür lebt man die restliche Zeit wie Gott in Frankreich!“

St. Paul de Vence © wikipedia-France

St. Paul de Vence © wikipedia-France

Es stimmt, je mehr man von der Hauptreisezeit der Einheimischen Abstand nimmt, umso nachhaltiger wirken die wunderschönen alten Bürgerhäuser von St. Paul, viele mit den Wappen ihrer Familien geschmückt, teilweise gezeichnet von der Patina der Jahrhunderte, die wohl nur unter der südlichen Sonne das Gefühl von Alter und Würde vermittelt. Wer durch die engen Gassen bummelt, deren Pflaster kleinen, begehbaren Kunstwerken aus Kiesel- und Bruchsteinen gleicht, fühlt sich wie in längst vergangenen Zeiten. Umrahmt wird St. Paul von einer bestens erhaltenen und begehbaren Stadtmauer aus dem 16. Jahrhundert. Autos müssen übrigens draußen bleiben.

Bevor man die Weiterreise antritt, lohnt sich ein Abstecher zu einem weiteren Glanzpunkt der unmittelbaren Umgebung: die Fondation Maeght (sprich: Maag), eines der schönsten Privatmuseen der Welt. Errichtet aus hellem Beton und rotem Backstein liegt es harmonisch eingebettet in die mediterrane Landschaft direkt vor den Toren der Stadt. Das Sammlerehepaar Aimé und Marguerite Maeght beauftragte Ende der 1950er-Jahre den katalanischen Architekten Josep Lluís Sert mit dem Bau des Museums, das dann mit Unterstützung namhafter Künstler wie Joan Miró, Georges Braque, Alberto Giacometti und Marc Chagall realisiert wurde. Präsentiert wird eine eindrucksvolle Sammlung der Moderne, dazu kommen jedes Jahr Wechselausstellungen von internationalem Format. Sehenswert ist auch der Skulpturengarten.

Fondation Maeght © Dr. T. Michael-Maher

Fondation Maeght © Dr. T. Michael-Maher

Festival der Sinne

© Confiserie Florian, France

© Confiserie Florian, France

Nach so vielen unvergleichlichen Eindrücken für die Augen, möchte auch die Nase zu ihrem Recht kommen. Es geht deshalb Richtung Grasse.  Anatol gibt einen Tipp: „Nehmen Sie die D2210, und wenn sie zur Pont du Loup kommen, halten Sie Ausschau nach Florian – die beste Confiserie weit und breit!“ Und tatsächlich. Die angebotene Patissierie aus Veilchenblüten, Rosenblättern und Südfrüchten ist unwiderstehlich – ein Fest für alle Sinne. Schließlich lockt Grasse, die Welthauptstadt der Düfte, die bereits seit dem 17. Jahrhundert den Handel mit Extrakten und Essenzen dominiert. Auch wenn heute alles weitestgehend industrialisiert abläuft, weiß die schön gelegene Stadt, wie sie die Erwartungshaltung der reisenden Patrick-Süßkind-Leser befriedigen kann. Und so stehen an allen Ecken große, mit bunten Essenzen gefüllte Flakons, quasi die Insignien des Parfum-Monopols. Auch kulinarisch wird keiner enttäuscht. Dafür sorgen gleich mehrere Spitzenköche, die in Grasse  oder in unmittelbarer Umgebung Gourmetmenüs auf der Speisekarte haben.

Wer tiefer in die Welt der Düfte und deren Entstehungsprozesse eindringen möchte, findet auch dazu gute Gelegenheiten. Unter anderem im Musée internationale de la Parfümerie. Aber auch die ansässigen Unternehmen, allen voran Fragonard, Galimard, Molinard, Fleuron de Grasse und Guy Bouchara, bieten kostenlose Führungen in deutscher Sprache durch ihre historischen Produktionsstätten an.

Mut zur Muße

Auch wem der Sinn mehr nach himmlischen als nach irdischen Genüssen steht, wird in Grasse fündig. Die Kathedrale Notre-Dame-du-Puy, deren schlichter Stil von lombardischen Einflüssen zeugt, zeigt eindrucksvolle Gemälde, unter anderem von Rubens, Charles Nègre und Louis Bréa. Mehr noch aber als die Kunstwerke zieht die Atmosphäre dieses Gotteshauses ihre Besucher in den Bann.

Im Dämmerlicht, in der angenehmen Kühle des Kirchenbaus, kommt der Geist zur Ruhe – es ist diese besondere Atmosphäre zu spüren, von der Kunstmaler Clemens voller Leidenschaft erzählt hat. Hier in der Stille tritt der Trubel des Alltags in den Hintergrund und die Gedanken  bleiben an all den wundervollen Eindrücken der Reise hängen – eine Reise durch eine von der Sonne verwöhnte Landschaft mit grandiosen Steilküsten, tiefblauem Meer und einem Licht, das von jeher die Menschen verzaubert.

Diese Karte von VesselFinder zeigt, welche Schiffe aktuell vor der Cote d’Azur sind:

Tipps für die Cote d’Azur

Beste Reisezeit:
Die Sommer sind heiß, die Winter meist mild. Am schönsten ist es im Herbst, wenn der Mistral (das provençalische Wort für Meister), ein Fallwind aus dem Nordwesten, Ruhe gibt und die Farben explodieren. Wem die Lavendelblüte am Herzen liegt, sollte sich zwischen Juni und August auf den Weg machen, dabei aber bedenken, dass vor allem der Juli die Hauptreisezeit der Franzosen ist.

Übernachtungstipp:
Escapio bietet eine Auswahl von derzeit 19 ausgesuchten Designerhotels in verschiedenen Preisklassen.

Restauranttipps:
La Colombe d’Or in St. Paul de Vence, legendäres Restaurant mit guter Küche. Ihm haben große Meister der Moderne, unter anderen Pablo Picasso und Georges Braque, eine kostbare Kunstsammlung vermacht, die in den Gasträumen zu bewundern ist.
Für Austern-Fans, oder die, die es werden wollen: Das Restaurant „Brun“ in Cannes, 25 Rue Felix Faure, hat schon so manchen Austern-Skeptiker eines Besseren belehrt.

Besichtigungstipps:
Chapelle du Rosaire de Vence, Fondation Maeght, Confiserie Florian, Musée internationale de la Parfumerie

Unbedingt machen:
Die Grande Corniche, die höchstgelegene der drei beeindruckenden Verbindungen von Nizza nach Menton, ist und bleibt ein Muss für jeden Besucher. Nicht wenige sehen in ihr die schönste Küstenstraße der Welt. Für den Rückweg empfehlen sich die Corniches Moyenne oder Inférieur, die kaum weniger spektakulär sind.

Unbedingt vermeiden:
Leichtsinniger Umgang mit offenem Feuer – Waldbrandgefahr! Folkloristisch angehauchte Mitbringsel: Dahinter verbirgt sich zumeist überteuerter Kitsch, besonders bei hübsch mit provencalischen Motiven geschmückten Olivenölen sollten Sie Vorsicht walten lassen.

Kreuzfahrt-Infos:

Villefranche sur Mer ©  Wikimedia

Villefranche sur Mer © Wikimedia

Von A wie AIDA bis T wie TUI Cruises – keine namhafte Reederei, die nicht mindestens eine der vielen Perlen der Côte d’Azur in ihrem Programm hat. Ob Marseille, Saint Tropez, Toulon, Antibes, Cannes, Nizza, Villefranche oder Monaco – letztlich hängt es nur von ihren Wünschen und Vorlieben ab, welche Häfen sie anlaufen.
Die Auswahl reicht vom Luxusliner über moderne Club- und Familienschiffe bis hin zum klassischen Windjammer. Noch größer als die Auswahl an Häfen und Schiffen ist die der angebotenen Landausflüge und Exkursionen. Ob sie nun den Empfehlungen unseres Autors folgen, oder doch lieber die Altstadt von Monaco näher erkunden wollen – für wirklich jeden sollte sich etwas Passendes finden lassen.

 

Côte d’Azur: Die Top 5

Saint Tropez: Der kleine Ort mit dem Kultstatus, einst der Treffpunkt des Jetsets, ist nach wie vor eine Attraktion. Insbesondere im Areal rund um den Hafen gilt das Motto „Sehen und Gesehen werden“. Ebenfalls einen Besuch wert ist das in den 1960er-Jahren angelegte Mini-Venedig Port Grimaud in direkter Nachbarschaft.

Cannes: Der mondäne Badeort ist wegen der alljährlich im Mai stattfindenden Internationalen Filmfestspiele in der ganzen Welt bekannt. Dann wimmelt es von Stars und Sternchen, doch auch den Rest des Jahres sind sie anzutreffen – meistens auf der exklusiven Flaniermeile Boulevard de la Croisette.

Antibes Juan-les-Pins: Nicht in Monaco, sondern in der Marina Port Vauban liegen die größten und imposantesten Yachten des ganzen Mittelmeerraums, weshalb die Marina auch „Milliardärhafen“ genannt wird. Weitere Höhepunkte sind das Picasso-Museum im Château Grimaldi und das stets im Juli stattfindende Jazz-Festival von Juan-les-Pins.

Nizza: Die „Hauptstadt“ der Côte d’Azur (rund 350.000 Einwohner) bietet zahlreiche architektonische Highlights von Barock bis Belle Epoque. Bestes Beispiel ist das Negresco, [Bild Negresco] ein Hotel von Weltruf an der Promenade des Anglais. Hier hat man im Februar während des Karnevals den besten Blick auf den weltberühmten Blumenkorso.

Monaco ©  C.R.Gülde

Monaco © C.R.Gülde

Monaco: Auf der Place du Casino flanierten schon zahllose Filmstars vor prächtiger Kulisse. Auf engem Raum sorgen die Monegassische Oper, das Hôtel de Paris und natürlich das Casino von Monte Carlo für eine unvergleichliche Mixtur aus Flair, Kultur, Historie und Mythos. Der seit 1929 immer im Frühjahr stattfindende Grand Prix von Monaco verziert diese Mélange mit einem sportlichen Sahnehäubchen. Als etwas ruhigere Alternative bietet sich die Altstadt an: Hier in Monaco-Ville befindet sich auch der Fürstenpalast der Familie Grimaldi.

Andreas Gülde

Als Hedonist im besten Sinne mit einem Allgemeinwissen, das breiter ist als der Sankt-Lorenz-Strom, hat er im shiptrips-Team die Aufgabe, über das Schöne und Gute alles zu wissen. Bevor er mit "Voyage a trois" Südfrankreich beschrieb, wie es Tucholsky versäumt hatte, war er u.a. Konditormeister, Student der Zahnmedizin sowie der Germanistik und Vermögensberater bei der Allianz. Seine bevorzugten Fortbewegunsgmittel sind neben seinem uraltem BMW-Cabrio holländische Stahlyachten; als Skipper war er von Friesland über die Ostsee bis zur Camargue und den Canal du Midi auf den schönsten Revieren Europas unterwegs. In jüngster Zeit überzeugt er mit augenzwinkernden Texten als Autor der Technik-Portale cebit.de und hannovermesse.de.