Mit dem Schiff zur Kanzlerin

Muss es immer ein Ozeanriese sein, immer eine Kreuzfahrt? Nein, natürlich nicht – denn dann könnte man ja gar nicht durch Brandenburg reisen… Da Brandenburg aber wie kein anderes Bundesland reich an Gewässern ist und zudem die größten Waldgebiete, einsamsten Landstriche und im Herzen mit Berlin eine der spannendsten Metropolen der Welt hat, bietet sich auch für Brandenburg das Schiff als ideales Reisegefährt an. Nur sollte es etwas kleiner sein als die Queen Mary. Mit einem schlanken Hausboot aber lässt sich die erstaunliche Vielfalt dieser im Grunde sehr exotischen Region bestens entdecken.

Ob das trotzdem eine gute Idee ist?! Ende Oktober mit dem Hausboot quer durch Brandenburg von Ketzin über Berlin nach Fürstenberg zu fahren, wenn dichte Nebelschwaden drohen, die bestenfalls von heftigen Regengüssen abgelöst werden? Um es vorweg zu nehmen: Es war eine gute Idee, denn der Oktober konnte dank der großartigen Wälder Brandenburgs besonders gut zeigen, warum er den Zusatz „golden“ trägt.

Alles andere als ein Klassiker: Drei Frauen in einem Boot

Die Herbstferien liegen diesmal ungewöhnlich spät im Jahr, und so planen wir mit unseren beiden schulpflichtigen Kindern Stella (9) und Marina (7) zunächst einen Flug in den warmen Süden. Bis mir – selbsternannter Seebär und Besitzer eines kaum genutzten Boostführerscheins – wieder einfällt, dass Ende Oktober in ganz Europa Charterboote zurück ins Depot müssen und es deshalb interessante Angebote für Einwegfahrten gibt. Bei Locaboat werde ich schnell fündig: Eine Pénichettes 1106FB mit Außensteuerstand will den Winter in einer warmen Halle in Fürstenberg an der Havel verbringen und wartet darauf, dass sie jemand die 170 Kilometer von Ketzin herüberfährt.

©  C.R.Gülde

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Als Ehemann und Vater zweier Mädchen berücksichtige ich bei meinen Überlegungen natürlich stets den WAF, den sogenannten Woman Acceptance Factor. Schiffe schätzen meine drei Damen durchaus, allerdings eher in Form von Ozeanriesen, deren Bug ein roter Kußmund ziert und die von schmucken Kapitänen pilotiert werden. Die Pénichettes macht mit ihren dicken Gummilippen jedoch eher ein Gesicht, das etwas Sorge vor unachtsamen Freizeitkapitänen ausdrückt.
„Auf uns wartet echte Wildnis, das wird richtig spannend“, stelle ich meinen im Grunde stets abenteuerlustigen Mädchen in Aussicht und füge sicherheitshalber noch hinzu, dass wir mit „unserem“ Boot zudem direkt ins Zentrum von Berlin zum Shoppen fahren können. Das wirkt. Gut gelaunt übernehmen wir an einem sonnigen Samstagnachmittag unser schwimmendes Zuhause für die kommende Woche. Nur Enzo, unser Schweizer Sennenhund, bleibt zunächst skeptisch. Wahrscheinlich wäre er lieber in die Berge gefahren.

©  C.R.Gülde

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Bei der kurzen, aber sehr effektiven Einweisung frischt der Hafenmeister der Ketziner Marina meine brachliegenden Kenntnisse auf, beispielsweise über den Radeffekt. Da unser 18 Jahre altes Boot namens Vipperow zwar über viel Charme verfügt, nicht aber über ein das Manövrieren vereinfachendes Bugstrahlruder, kommt dieser indirekten Steuerwirkung des Propellers große Bedeutung zu – auch wenn es darum geht, Ausreden für ein mißlungenes Manöver zu finden. Doch die Vipperow erweist sich als ausgesprochen gutmütig, und der Hafenmeister entdeckt bei uns durchaus seemanschaftliche Fähigkeiten.

Dergestalt motiviert drehen wir eine erste kleine Runde um die idyllischen Ketziner Havel-Inseln. Und während die Abendsonne eine grandiose Kulisse für die nach Süden ziehenden Kraniche schafft spüren wir: Das hier wird etwas ganz Besonderes. Wir wollen auf den elf mal dreieinhalb Metern der Vipperow zu einer eingeschworenen Mannschaft werden. „Papa ist der Kapitän!“, sind sich meine drei Frauen erstaunlich schnell einig. „Klar!“, sage ich, „Auf jedem Schiff, ob´s dampft, ob´s segelt, gibt´s einen, der die Sache regelt! Das mach‘ ich gern!“ – „Musst Du auch, schließlich hast nur Du den Bootsführerschein“, entgegnet Stella, die in den vergangenen Wochen mit mir zusammen das Handbuch für Motorbootfahrer durchgearbeitet hat und Betonnungs-Regeln wie „rechts runter rot“ fast im Schlaf beherrscht. Auch Seemannsknoten wie den Palstek kann Stella von uns am besten.

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Die Führerscheinpflicht macht auf der Havel durchaus Sinn, da es auf ihr auch Berufsschifffahrt gibt. Führerscheinfrei sind auf unserer Fahrt nur die südlichen Havel-Seen zwischen Ketzin und Potsdam und die Gewässer nördlich von Liebenwalde. Führerscheinpflicht bedeutet aber nicht – anders als im Straßenverkehr – , dass nur Führerscheinbesitzer ans Steuer dürfen. Solange der Skipper Möglichkeit zum Eingreifen hat, darf jede Person ans Ruder, die mindestens 16 Jahre alt sowie körperlich und geistig geeignet ist. Auf den führerscheinfreien Abschnitten dürfen dann auch mal Stella und Marina ans Steuer, was ihnen riesig Spaß macht.

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Nach der ersten Nacht an Bord wachen wir ausgeruht und voller Tatendrang auf. Die Kojen erweisen sich als ausgesprochen bequem – wir Großen haben in der Bugkajütte ein Doppelbett, die Kinder mittschiffs ein Etagenbett. Enzo schläft im Steuerhaus. Nach einem ausgiebigen Frühstück in der Kombüse mit gemütlicher Sitzecke machen wir klar Schiff und fahren vorbei am Havelstädtchen Werder zu unserem ersten Etappenziel Potsdam, wo der nette Hafenmeister des piekfeinen Yachthafens „Nixe“ uns beim Festmachen hilft.

Wer findet den Millionär? Unterwegs in Günther Jauchs Wahlheimat

Abends spazieren wir über die nahe gelegene Glienicker Brücke und erzählen unseren Kindern die spannenden Agenten-Geschichten, die sich um sie ranken.
Am nächsten Morgen fahren wir unter ihr durch und nehmen Kurs auf den Wannsee. Und wir machen uns einen Spaß daraus zu rätseln, in welcher der grandiosen Villen der Berliner Vorstadt, Potsdams Promiviertel, wohl Günther Jauch wohnt.


In Berlin Spandau wartet dann die erste von 17 Schleusen auf uns. Noch fehlt uns die Routine, und wir geben der Skepsis gegenüber Freizeitkapitänen – die den Berufsschiffern, die mit uns zusammen die Havel hinaufschleusen, deutlich anzusehen ist – neue Nahrung. Doch schließlich gelingt es uns, die Vipperow auf Position zu halten. Wir lernen schnell dazu und erhalten auch den einen oder anderen Tipp von erfahrenen Skippern, sodass wir am letzten Tag unserer Reise Schleuse No. 17 passieren, als hätten wir im Leben noch nie etwas anderes gemacht.

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Im Zentrum Berlins angekommen, machen wir an Spreekilometer 11,7 an einem öffentlichen Anlieger fest, da die Berliner Stadtspree kurz danach, also auf Höhe von Schloss Bellevue, Kanzleramt und Reichstagsgebäude, zwischen 10:30 Uhr und 19 Uhr für Boote ohne Funkausrüstung gesperrt ist. Nach einem abendlichen Kudamm-Bummel starten wir zur Umgehung dieses Verbotes am nächsten Morgen mit den ersten Sonnenstrahlen, schließlich wollen wir Angie einmal vom Boot aus zuwinken.
Die Fahrt entlang des Spreebogens im Herzen Berlins, mitten durch das Regierungsviertel, eröffnet völlig neue Blickwinkel – so haben wir unsere Hauptstadt noch nie erlebt, und wir fühlen uns ein wenig privilegiert.

Über den Landwehrkanal verlassen wir das Zentrum Berlins wieder und nehmen Kurs Richtung Wildnis. Nur wenige Stunden nach dem Trubel der Metropole Berlin finden wir bereits auf Höhe des Tegeler Sees Ruhe und Einsamkeit – ein faszinierender Kontrast, der uns gefangen nimmt. Mit jedem Tag, an dem wir auf der Havel weiter Richtung Norden fahren, wächst das Gefühl, die Zivilisation zu verlassen. Es ist ein gutes Gefühl – vor allem auf einem Boot, das allen Komfort bietet. Kurz vor Templin wähnen wir uns auf dem Amazonas – doch der Dschungel um uns herum ist die Schorfheide.

 

shiptrips-Tipp: Berlin & Brandenburg mit dem Hausboot

 

 

Christian Richard Gülde

Magister der Philosophie, Sprachwissenschaft und Literatur. Berufserfahrung als wissenschaftlicher Autor, Redakteur und Kommunikationsberater. Erfolgreich tätig für IT- und Handels-Unternehmen, NPOs, Buchverlage, Magazine, Tageszeitungen und Online-Medien. Seit fast 20 Jahren dem Rätsel Kommunikation auf der Spur. Weitere Schwerpunkte: Maritime Wirtschaft, Health, Wirtschaft & IT.