Eine Abkürzung, die 15.000 Kilometer spart: der Panamakanal!

Die Celebrity Infinity im Panamakanal. © Celebrity Cruises

Die Celebrity Infinity im Panamakanal. © Celebrity Cruises

Am 15. August 2014 feierte er sein hundertjähriges Jubiläum: der Panamakanal! Die von Menschenhand geschaffene, rund 82 Kilometer lange Wasserstraße verbindet seit 1914 den Atlantik mit dem Pazifik. Die Abkürzung durch den Regenwald auf der Landenge in Mittelamerika erspart der Schifffahrt den weiten und oft gefährlichen Weg um das berüchtigte Kap Hoorn an der Südspitze Südamerikas und bietet Kreuzfahrtpassagieren ein einmaliges Erlebnis zwischen gigantischen Schleusen und wildem Dschungel.

Der Panamakanal verläuft zwischen den Städten Colón an der Atlantikküste und Balboa, einem Vorort von Panama-Stadt an der Pazifikküste. Meist ist er so breit, dass Gegenverkehr möglich ist. Vom Atlantik kommend werden die Schiffe bei Colón durch die Gatún-Schleusen zu dem aufgestauten Gatúnsee gehoben, danach fahren sie in ausgebaggerten Rinnen durch den Gatúnsee und den Río Chagres, durchqueren anschließend im Gaillard-Kanal einen Bergrücken und werden schließlich mit den dicht aufeinanderfolgenden Pedro-Miguel- und Miraflores-Schleusen zum Pazifik hinuntergelassen.

Der Jubilar ist der bedeutendste Kanal der Welt. Zuletzt durchfuhren ihn gut 14.000 Schiffe pro Jahr. Und es wird geschätzt, dass aktuell unglaubliche fünf Prozent des Welthandels durch dieses Nadelöhr gepresst oder genauer: geschleust werden. Dass der Panamakanal eine enorme wirtschaftliche Bedeutung haben würde, war bereits lange vor seiner Fertigstellung klar. Und so ist es nicht verwunderlich, dass er rund um den Globus Begehrlichkeiten weckte.

Diese Karte von vesselfinder.com zeigt, welche Schiffe aktuell im Panamakanal unterwegs sind:


Mörderischer Kanalbau

Die USA, die seit Ende des 19. Jahrhunderts verschiedene Möglichkeiten eines Kanals durch Mittelamerika erwogen, schickten im November 1903 Truppen zur ausgewählten Landenge, besetzten das Gebiet rund um den heutigen Verlauf des Kanals und riefen den unabhängigen Staat Panama aus. Zwar mussten die USA sehr bald die territoriale Souveränität Panamas anerkennen – zumindest formal –, aber ihr eigentliches Ziel hatten die US-Amerikaner erreicht: Ihnen wurde auf unbestimmte Zeit die Nutzung einer Kanalzone in der Breite von 16 Kilometern, jeweils 8 Kilometer beiderseits der heutigen Kanaltrasse, vertraglich zugesichert.

Der Kanalbau begann im April 1905 unter der Leitung des Ingenieurs John Frank Stevens, der zunächst die grundsätzliche Infrastruktur für das gigantische Projekt errichtete und vor allem dafür sorgte, dass die Lebensumstände der Arbeiter verbessert wurden. Dennoch starben von 1906 bis 1914 während der eigentlichen Bauarbeiten 5.609 Arbeiter durch Unfälle oder Krankheiten, es gab also durchschnittlich fast zwei Todesfälle pro Tag. Betrachtet man alle Aspekte, die den Bau des Panamakanals betreffen, muss man davon ausgehen, dass rund 28.000 Menschen ihr Leben verloren. Dagegen wirken die Kosten für seine Fertigstellung – zumindest aus heutiger Sicht – ausgesprochen gering: Einschließlich der Schleusen und erforderlichen Stauseen betrugen die Investitionen rund 385 Millionen US-Dollar.

Premiere mit Paketboot Ancona

Am 15. August 1914 war es dann soweit: Als erstes Schiff in der Geschichte des Panamakanals durchfuhr das Paketboot Ancona mit 200 Passagieren an Bord den Panamakanal in voller Länge. Da sich jedoch in den Wochen zuvor in Europa die Ereignisse überschlugen und schließlich der Erste Weltkrieg ausbrach, wurden die für die Premierenfahrt der Ancona vorgesehenen Eröffnungsfeierlichkeiten abgesagt. Es dauerte bis zum 12. Juli 1920, bis US-Präsident Woodrow Wilson den Panamakanal offiziell für den Schiffsverkehr freigab.

Der Kanal wechselt den Besitzer

Aber auch nach seiner offiziellen Eröffnung blieb der Panamakanal nicht unberührt vom Weltgeschehen. Konfliktpotenzial gab es vor allem nach wie vor zwischen den USA, die auf der Hoheit über den Kanal und den Landstreifen entlang des Kanals bestanden, und dem Staat Panama. Es dauerte bis zum 17. September 1960, bis US-Präsident Eisenhower einwilligte, neben der US-Flagge auch die Flagge Panamas in der Kanalzone zu hissen – als Ausdruck der nominellen Souveränität Panamas über dieses Gebiet. Weitere 17 Jahre vergingen, bis US-Präsident Jimmy Carter 1977 mit General Omar Torrijos die Torrijos-Carter-Verträge aushandelte, denen zufolge der Kanal bis zum Jahre 2000 an Panama zurückzugeben sei. Am 31. Dezember 1999 um 12 Uhr war es dann tatsächlich soweit: Der Panamakanal gehörte fortan den Panameños. Die Verwaltung übernahm die panamaische Kanalbehörde Autoridad del Canal de Panamá (ACP), eine autonome Behörde, deren Vorstand allerdings vom panamaischen Präsidenten ernannt wird.

Es kommt auf die Größe an: Panamax

In den 100 Jahren seines Bestehens verankerte der Panamakanal einen Begriff in der Schifffahrt, der für jeden global operierenden Reeder, jeden Schiffskonstrukteur, jeden Logistikexperten und natürlich auch für jeden Kreuzfahrtveranstalter von großer Bedeutung ist: Panamax. Es ist der Begriff einer Klassifizierung sowohl für Containerschiffe als auch Passagierschiffe, deren Abmessungen noch eine Einfahrt in die Schleusenbecken des Panamakanals erlauben, die jeweils 305 Meter lang, 33,5 Meter breit und 12,2 Meter tief sind. Das heißt, dass ein Panamax-Schiff nach den Regeln der ACP maximal 294,3 Meter lang und 32,3 Meter breit sein darf und der Tiefgang 12,04 Meter in tropischem Süßwasser nicht überschreiten darf – die Einschränkung „tropisches Süßwasser“ ist deshalb wichtig, weil es weniger Auftrieb erzeugt als das Salzwasser der Meere und der Panamakanal teilweise überwiegend Süßwasser führt. Dass bei den vorgeschriebenen Maximal-Maßen der Panamax-Schiffe im Panamakanal kaum noch Platz für die berühmte Handbreit Wasser unterm Kiel bleibt, zeigen folgende Zahlen: Im Gatúnsee beträgt je nach Wasserstand der Abstand zwischen Kiel und Grund rund 1,50 Meter, an den Schleusenschwellen dann nur noch 60 Zentimeter und auch zwischen den Schleusenwänden und der breitesten Stelle des Rumpfes verbleiben auf beiden Seiten nur 61 Zentimeter – eine Winzigkeit, wenn man sie im Verhältnis zu einem fast 300 Meter langen Schiff betrachtet.

Die Celebrity Infinity  im Panamakanal. © Celebrity Cruises

Die Celebrity Infinity im Panamakanal. © Celebrity Cruises

Nervenkitzel für die Passagiere

Der Steuermann eines Schiffes, das die Panamax-Vorgaben ausreizt, braucht also eine ruhige Hand und gute Nerven. Für Kreuzfahrtpassagiere allerdings, deren Schiffe meist dicht an der Panamax-Grenze liegen, ist die Einfahrt in die Schleusen – die zusammen einen Höhenunterschied von 26 Metern überwinden – ein grandioses Spektakel. Vom zehnten, elften oder zwölften Deck aus betrachtet hält man es nicht für möglich, dass das riesige Schiff in die Schleusenkammer passt, und erwartet jederzeit ein fürchterlich knirschendes Geräusch – aber nichts dergleichen passiert.

Zu den Kreuzfahrtreedereien, denen es wichtig ist, dass die gesamte Flotte durch den Panamakanal passt, gehört die Holland America Line. Alle 15 aktuellen Schiffe passen in die Schleusen, und der Neubau, der derzeit bei Fincantieri in Italien entsteht, soll ebenfalls hineinpassen – auch wenn er die Panamax-Grenzen deutlich überschreitet. Wie das geht? Stein Kruse, Präsident und CEO der Holland America Line, gibt die Antwort: „Dank der aktuell erfolgenden Erweiterung des Panamakanals, durch den auch künftig alle Schiffe unserer Flotte fahren können sollen, kann unser neues Schiff deutlich größer werden als unsere bisherigen Schiffe.“ Insider vermuteten sogar, dass das neue Schiff der Holland America Line, deren Namen traditionell auf –dam enden, MS Panadam heißen wird – seit September 2014 steht jedoch fest, dass es MS Koningsdam getauft wird.

© pancanal.com

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Gespanntes Warten auf Neopanamax

Stein Kruse hat es angesprochen, der Panamakanal wird aktuell erweitert – vor allem wegen der modernen Containerschiffe, die aus Gründen der Effizienz so groß wie möglich gebaut werden. Die Meeres-Giganten werden dementsprechend als Postpanamax- oder Overpanamax-Schiffe bezeichnet. Sofern sie aber in die sich derzeit im Bau befindlichen neuen Schleusenkammern passen, die 427 Meter lang, 55 Meter breit und 18,3 Meter tief werden sollen und eine maximale Schiffsgröße von 366 Meter Länge, 49 Meter Breite und 15,2 Meter Tiefgang erlauben, dürfen sie sich künftig als Neopanamax-Schiffe bezeichnen. Und was viel wichtiger ist: Sie dürfen den Shortcut zwischen Atlantik und Pazifik nutzen, der 15.000 Kilometer und – je nach Geschwindigkeit – drei Wochen Zeit spart.

Infos zum Panamakanal

Eröffnung 5. August 1914
Verkürzung der Seewege von der US-Ostküste nach Japan rund 5.000 Kilometer, von Ecuador bis Europa rund 8.000 Kilometer, von New York nach San Franzisco rund 15.000 Kilometer (Kap Hoorn)
Gesamtbauzeit 10 Jahre (1904 bis 1914).
Gesamtbaukosten 386 Mio. US-Dollar
Arbeitskräfte während des Baus 75.000
Arbeitskräfte für den Betrieb 7.500
Betreiber Autoridad del Canal de Panamá – ACP
Kanalfahrrinne 81,6 km lang, Mindestspiegelbreite (Gaillard Cut) 153 Meter, Mindestsohlenbreite 74,3 Meter, durchschnittliche Tiefe 12,8 Meter
Schleusen 6 Doppelschleusen, mind. 305 Meter lang, 33 Meter breit, 21,5 Meter tief. Vom Atlantik kommend: Die dreistufigen Gatun-Schleusen heben die Schiffe auf 26 Meter über den Meeresspiegel, den Scheitelpunkt des Kanals. Die einstufige Pedro-Miguel-Schleuse senkt die Schiffe auf 17 Meter über NN. Die zweistufigen Miraflores-Schleusen sorgen für den Abstieg auf Meeresniveau. Der Wasserstand wird mit einer Geschwindigkeit von rund 0,90 Meter geändert. Von den gut 300.000 Kubikmetern Wasser in einer Kammer müssen 150.000 pro Passage gewechselt werden. Elektrische Lokomotiven treideln die Schiffe durch die Schleusen.
Maximal-Größe (Panamax) der Schiffe 294,3 Meter lang, 32,3 Meter breit und 12,04 Meter Tiefgang
Schiffe pro Tag 40
Schiffe pro Jahr mehr als 14.000
Vollendung des geplanten Ausbaus voraussichtlich 2015
Kosten des Ausbaus voraussichtlich 4,8 Milliarden US-Dollar
Größe der ausgebauten Schleusenkammern 427 Meter lang, 55 Meter breit und 18,3 Meter tief
Maximal-Größe (Neopanamax) der Schiffe nach dem Ausbau 366 Meter lang, 49 Meter breit und 15,2 Meter Tiefgang

 

Infos über Kreuzfahrt-Reedereien, die 2014 Passagen durch den Panamakanal im Angebot haben

 

Reederei  Schiffe
Azamara Club Cruises Azamara Quest
Carnival Legend
Celebrity Cruises Infinity
Compagnie du Ponant Le Boréal
Crystal Cruises Serenity, Symphony
Cunard Queen Victoria
Disney Cruise Line Disney Wonder
Hapag-Lloyd Kreuzfahrten MS Bremen, MS Europa
Holland America Line MS Amsterdam, MS Veendam, MS Westerdam, MS Zaandam, MS Zuiderdam
Norwegian Cruise Line Jewel, Pearl, Star, Sun
Oceania Cruises Marina, Regatta
Phoenix MS Albatros, MS Artania
Princess Cruises Coral Princess, Dawn Princess, Island Princess
Regent Seven Seas Mariner, Seven Seas Navigator
Royal Caribbean Legend of the Seas
Silversea Silver Explorer, Silver Spirit
Windstar Cruises Wind Spirit

Christian Richard Gülde

Magister der Philosophie, Sprachwissenschaft und Literatur. Berufserfahrung als wissenschaftlicher Autor, Redakteur und Kommunikationsberater. Erfolgreich tätig für IT- und Handels-Unternehmen, NPOs, Buchverlage, Magazine, Tageszeitungen und Online-Medien. Seit fast 20 Jahren dem Rätsel Kommunikation auf der Spur. Weitere Schwerpunkte: Maritime Wirtschaft, Health, Wirtschaft & IT.